Die Poesie des Abschieds
von Nina George
Es gibt Tage am Hamburger Hafen, die grauer sind als ein Kaufmannsanzug. Aber dann kommt sie. Die Lady im großen Schwarzen, die Königin ohne Land, Queen Mary 2. Sie kommt, um erneut zu gehen, durch das Tor zur Welt. Und plötzlich, mitten in diesem Tag, ist die Sehnsucht da, mit ihr zu gehen. Man weiß nicht wohin, nicht warum. Nur dass man am Elbsaum steht und winkt und aufschaut wie ein Kind. Fernwehtränen schmecken nach Meer. Nach Meer, auf dem es um das Unterwegssein geht, nie um das Ankommen.
An einem anderen Tag ist es dann so weit. Die Perspektiven sind getauscht, der Platz an der Reling kurz vor dem Auslaufen erobert. Der Blick auf die Silhouette der Heimat so rührend wie der Anblick des kleinen blauen Balls Erde vor dem Mondhorizont. Die vierzig Schiffe, die sich zum Abschied ihrer Majestät eingefunden haben, wirken wie Entenküken um einen schwarzen Schwan. Das Loslassen vom Hafenrand ist sanft, das Land verflüssigt sich. Die Hafenkante ist bunt von Menschen, die Beachclubs, die Molen, die Brücken, Straßen und Ufergärten: Ganz Hamburg wird zur Seemannsbraut; oder, nein, zum Geliebten einer Meeresregentin.
Nirgends, so wissen es jene, die schon über hundert Tage auf der Queen Mary 2 das Nicht-ankommen-Müssen leben, nirgends auf der Welt sagt eine Stadt auf diese Weise „Gute Reise – und komm bald wieder“. Nicht Sydney oder Hongkong, nicht New York und Oslo. Mit Feuerwerk, mit Musik und Sprechchören. Mit einem Winkballett aus Tischtüchern, wie es das Hotel Louis C. Jacob – von Amerikanern auch „Das Weiße Haus“ genannt – schenkt; aus allen Fenstern wellt sich weiße Ware. „Der Hamburger ist der fehlende Link zwischen Pirat und Gentleman“, murmelt einer an der Reling; er fühlt sich, als sei er der König, und weiß doch, der Jubel gilt ihr, dem Schiff, das all die alten Träume von Aufbruch aus dem Schlaf holt. Wo diese Reise endet, ist nebensächlich. Wo sie beginnt, nicht.
Nina George (*1973), Bestsellerautorin und Publizistin, schreibt Romane (zuletzt: „Die Mondspielerin“), Krimis, Sachbücher, Kurzgeschichten und satirische Nachschlagewerke. Ihr Pseudonym Anne West gilt als erfolgreichste deutschsprachige Erotika-Autorin. Im August 2010 unternahm die Hamburgerin ihre erste Reise mit der Queen Mary 2 – und wurde landkrank.
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