Es ist 20 Uhr, die Pforten des Alsterhauses schließen – zumindest für heute und für
die normale Kundschaft. Während an den Kassen abgerechnet wird und in den Abteilungen noch ein paar
Aufräumarbeiten für den nächsten Verkaufstag erledigt werden, finden sich knapp 20
Alsterhaus-Mitarbeiterinnen im Lichthof der ersten Etage ein. Sie schwatzen aufgeregt, legen letzte Hand
an ihr Äußeres und überprüfen den korrekten Sitz ihrer Garderobe. Denn: Es steht
hoher Besuch ins Haus – Captain Bernard Warner, Kapitän und Master der Queen Mary 2. Als er
in Begleitung einiger Mitarbeiter der Cunard-Reederei per Rolltreppe ins geschäftige Geschehen
gleitet, wird es für einen Moment ganz still; denn selbst hier, in diesem erhabenen Glanz nobler
Shopping-Eleganz, umgibt Captain Warner eine strahlende Aura des Besonderen. Mit launigen Sprüchen
auf den Lippen begrüßt er – ganz formvollendeter Gentleman – alle anwesenden
Personen mit Handschlag und einer angedeuteten Verbeugung. Die anschließende Foto-Session auf
der ausladenden Treppe in der Damen-Fashion-Abteilung genießt er sichtlich: Umrahmt von der
Alsterhaus-Crew, die ihr schönstes Lächeln zeigt, hat er für jede Dame eine kleine
Anekdote oder ein angemessen dezentes Kompliment parat. Im Anschluss geht es in die gemütliche
Lounge-Ecke des Restaurants LeBuffet in der vierten Etage; bei Fingerfood, Mineralwasser und einem
köstlichen Weißwein (an dem Captain Warner aber nur ein Mal nippt) erzählt der
Weitgereiste in gemütlichem Ton und mit präziser Wortwahl aus seinem Leben, seinem Beruf
und über seine drei großen Lieben und Leidenschaften: die zu seiner Frau, über das
Meer und seine Unberechenbarkeit, und die außergewöhnliche Lebensaufgabe, das größte
und populärste Passagierschiff der Welt kommandieren zu dürfen. Und er versucht, die weltweit
einzigartige Verbindung zwischen der Queen Mary 2 und Hamburg zu ergründen – eine Verbindung,
die sich im Rahmen der beiden diesjährigen Besuche aller Voraussicht nach weiter vertiefen wird.
Captain Warner, wenn wir über Schiffe und ihren Mythos sprechen: Spielt nur die pure Größe eine Rolle, oder
ist es wichtiger zu wissen, was mit ihr verbunden ist?
(schmunzelt) Natürlich geht es darum zu wissen, was sie bedeutet. Es gibt keinen sinnvollen Grund dafür,
ein riesiges Schiff zu kommandieren, wenn man keine Ahnung hat, was man damit alles anstellen kann. Wie Sie
sicher wissen, haben wir in unserem Unternehmen neben vielen anderen auch ein zweites, nicht ganz so großes
Schiff, die Queen Elizabeth 2, die im Prinzip genauso populär ist wie die Queen Mary 2. Die QE2 hat
sicherlich ähnlich viele Fans auf der Welt wie wir, obwohl sie deutlich kleiner ist. Schon daran sehen Sie:
Es zählt nicht nur die Größe. (lächelt)
Als Kommandant des größten und populärsten Passagierschiffs der Welt fragt man sich dennoch: Wie ist es um
Ihr eigenes Verhältnis bezüglich schierer Größe bestellt?
Nun, Captain der Queen Mary 2 zu sein, ist natürlich ohne Zweifel der Gipfel meiner Karriere. Und ich
bin auch überzeugt, dass jeder Captain, der es als seine Bestimmung empfindet, das Kommando über ein
Passagier- oder Kreuzfahrtschiff zu haben, gerne an meiner Stelle wäre. Das hat aber nicht in erster Instanz
mit der Größe der Queen Mary 2 zu tun, sondern vielmehr damit, dass sie schlicht ein wunderschönes Schiff ist.
Was ist für Sie das schönste Detail an der Queen Mary 2?
Ich denke nicht so sehr in Details, ich sehe sie als Gesamtwerk. Und abgesehen von ihrer fraglos
beeindruckenden und klassisch schönen Optik wird sie für mich erst so attraktiv, weil wir eine wundervolle
Crew an Bord haben. Ohne diese Crew wäre die Queen Mary 2 nichts. Das ist das Großartige daran, ein solches
Schiff zu kommandieren: dass man die beste Crew hat.
Wodurch unterscheidet sich die "beste Crew" von jeder anderen?
Wenn es dem Captain gelingt, der gesamten Crew ein Gefühl zu vermitteln, dass sie mit ganzem Herzen an
das glauben, was sie tun, dann haben sie die beste Crew. Jedem einzelnen muss zu jedem Moment bewusst sein,
dass seine Hauptaufgabe als Crewmitglied dem Ziel folgt, den Passagieren einen einzigartigen Service zu bieten
und diesen Service in jedem Moment mit einem Lächeln auf den Lippen zu gewährleisten. Und: Eine gute Crew
sagt niemals ,nein' - sie findet immer einen Weg, um jedes entstehende Problem zu lösen. Für diesen
Arbeitsethos haben wir einen Begriff: ,White Star Service'.
Und dieser ,White Star Service' beinhaltet...
...wirklich jedes Detail. Es geht nicht nur um die Dienstleistungen, Einrichtungen oder Kabinen.
Es beinhaltet in gleicher Weise, dass die Passagiere den Eindruck haben, das beste Essen zu kosten, das sie
je zu sich nahmen, dass sie die besten Shows sehen, die ihnen jemals in einem Theater geboten wurden. Und -
das ist uns enorm wichtig - das gilt für alle Passagiere, unabhängig von sozialem Status oder Kontostand. Wir
haben Kabinen für jeden Geschmack und Geldbeutel. Sie müssen also nicht reich sein, um sich das
Außergewöhnliche der Queen Mary 2 leisten zu können.
Ein Markenzeichen der Queen Mary 2 ist neben der Technik und der Optik ihr ungeheurer Luxus. Nehmen Sie
diesen Kontrast zwischen der luxuriösen Noblesse des Schiffes und der Ursprünglichkeit der rauen See noch wahr?
Was hier für mich stärker zählt, ist der Umstand, dass die Queen Mary 2 ein überaus seetaugliches Schiff
ist. Sie liebt das Meer, denn sie wurde gebaut als ein transatlantischer Luxusliner, wodurch sie sich von
vielen anderen Passagierschiffen unterscheidet. Die verwendeten Materialien sind nicht nur im sichtbaren
Passagier-Bereich edler und außergewöhnlicher, auch die technischen Spezifikationen der Queen Mary 2 sind
ausgelegt auf besondere Umstände. Ihr Rumpf ist stabiler, die gesamte Technik ausgeklügelter; sie kann mit
schlechtem Wetter sehr viel besser umgehen als jedes andere Schiff, auf dem ich das Kommando hatte. Dass
sich dieses außergewöhnliche, oder wenn Sie so wollen luxuriöse Erscheinungsbild auch auf die gesamte
Ausstattung, die Technik und die Crew überträgt, ist dabei nur logisch. Diese Gesamtheit macht sie erst zu
einem so besonderen Schiff.
Die raue See am eigenen Leib zu spüren, so berichten Passagiere der Queen Mary 2, sei ohnehin gar nicht so
einfach...
Das stimmt.
Verglichen mit jedem anderen Schiff bekommt der Passagier von den Wellenbewegungen des
Meeres nur sehr wenig mit. Die Queen Mary 2 verfügt über exzellente Finnen-Stabilisatoren auf allen Seiten
des Rumpfes, die die typischen Roll- und Schwank-Bewegungen eines Schiffes sehr stark neutralisieren.
Natürlich können wir das harte Eintauchen in Wellenberge nicht vermeiden - es ist nun mal eine
Begleiterscheinung des Meeres - aber der außergewöhnliche Schnitt des Rumpfes in Verbindung mit den
Stabilisatoren kann damit sehr gut umgehen.
Ein guter Captain ist also immer auch ein guter Meteorologe?
Auch, aber nicht nur. Mindestens ebenso entscheidend ist das Lesen und Beherrschen der Strömungen.
Der Atlantik zeichnet sich durch eine sehr starke Strömung aus; man nennt sie den ,nordatlantischen Drift'.
Auch hier muss man seine Route extrem vorausschauend planen; auf West-Ost-Fahrten sollte man sogar versuchen,
ihn ganz zu umgehen, weil er das Schiff mit einer enormen Geschwindigkeit und Kraft vom Kurs abbringen kann.
All diese Dinge führen dazu, dass keine Fahrt über die Weltmeere wie die andere ist - und wenn Sie so wollen,
ist das auch die Herausforderung bei der Frage, wie man die Kräfte der Meere kontrollieren lernt.
Das alles klingt recht technisch; gibt es im Rahmen Ihres Berufes also überhaupt Raum für diese romantische
Verklärung der Weltmeere, die ich eben ansprach?
Verklärung ist vermutlich das falsche Wort, aber als ein Captain ist man immer beseelt von einem Respekt
vor der Größe und Weite des Ozeans. Denn die unbezähmbare Wildheit des Meeres kann dich immer erwischen -
da kann dein Schiff so sicher sein, wie es will. Schon allein deswegen muss es immer mein Hauptinteresse
sein, mein Schiff durch möglichst ruhige Gewässer zu steuern.
Ist es Ihnen bei aller Vorsicht schon widerfahren, dass Ihnen Wetterumstände begegneten, die Ihre Situation
brenzlig oder gefährlich machten?
Natürlich gibt es diese Situationen. Das schlimmste Wetter, das ich je erlebt habe - nicht mit der Queen
Mary, sondern in früheren Tagen - war auf dem Nordatlantik: 40 Fuß hohe Wellenberge - das entspricht mehr als
zwölf Metern - über drei Tage nonstop. Das Wetter war so übel, dass wir zwischen Miami und Southampton zwei
komplette Tage verloren haben, weil wir die Geschwindigkeit des Schiffes fast auf Null drosseln mussten und
nichts anderes tun konnten, als abzuwarten. So lange man solche Dinge aber berücksichtigt, sein Tempo den
Bedingungen anpasst und auch durch wirklich schlechtes Wetter einen passablen Weg findet, kommt man mit den
modernen Schiffen am Ende immer heil und ohne größere Probleme an - da bildet die Queen Mary 2 keine Ausnahme.
Das ist wirklich der zentrale Punkt als Captain: das fortwährende Respektieren der Kräfte der Natur. Mit der
Queen Mary 2 passiert uns so etwas ohnehin nur selten: Den Großteil ihrer Zeit auf See verbringt sie in den
Sommermonaten, und da ist das Wetter in der Regel wunderschön.
Wie würden Sie selber ihre emotionale und intellektuelle Verbindung mit der Queen Mary 2 beschreiben?
Während ich an Bord der Queen Mary 2 bin, liebe ich dieses Schiff und bin ebenso verliebt in alles,
was auf dem Schiff geschieht. Es erfüllt mich mit Freude und Glück, alle Passagiere zufrieden und ausgeglichen
zu sehen, weil es mir die Gewissheit gibt: Sie verleben wundervolle, möglichst sogar einzigartige Ferien.
Wenn ich dann das Schiff verlasse, nach Hause heimkehre oder selber in Urlaub fahre, dann gelten all diese
beschriebenen Gefühle nur noch meiner Gattin und meiner Familie.
Sie sind also ein Mensch, der zwei denkbar verschiedene Damen liebt?
Verstehen Sie mich nicht falsch: Meine Familie wird immer die erste Geige in meinem Herzen spielen.
Aber ein Captain liebt immer auch sein Schiff - erst Recht, wenn es ein so besonderes ist wie die Queen Mary 2.
Worin unterscheiden sich diese beiden Arten zu lieben?
Nun: Offensichtlich ist die Queen Mary 2 am Ende ein Schiff - ein ganz wunderschönes und besonderes,
aber doch ein Schiff. Meine Gattin hingegen ist eine wunderschöne Frau. Daraus ergeben sich zwangsläufig
enorme Unterschiede in der Zuneigung. (lächelt)
Liebt man als Captain ein solch bedeutsames Schiff wie die Queen Mary 2 anders oder gar intensiver als
die vorangegangenen, die Sie kommandierten?
Das ist eine Fangfrage, die sich so nicht beantworten lässt. Fragen Sie jeden Captain jedes Schiffs
auf den Weltmeeren, und Sie werden immer die Antwort erhalten, dass das Schiff, das er gegenwärtig
kommandiert, das beste und schönste ist. Wenn er etwas anderes sagt, ist er kein guter Captain - man
identifiziert sich immer voll und ganz mit dem Schiff, das einem anvertraut wurde. Es ist eine Frage
moralischer Integrität. Unter diesem Gesichtspunkt fällt es mir natürlich jetzt leicht zu sagen: Natürlich
ist die Queen Mary 2 das beste Schiff aller Zeiten. (lacht)
Wenn man als Captain dieses besten Schiffes auf der beeindruckenden Brücke steht und die See durchpflügt:
Fühlt man sich da manchmal wie ein ,König der Weltmeere'?
Nun, Sie unterhalten sich jetzt schon eine Weile mit mir und haben vermutlich inzwischen erfahren, dass
ich ein ziemlich zurückhaltender und aufgeräumter Mensch bin. Obwohl mir also die Verantwortung und Stellung
meines Berufs bewusst ist, geht mit dieser Verantwortung eben auch die Sorge um die über 4.000 Menschen an
Bord einher - eine Sorge, die ich sehr schätze, da sie elementarer Bestandteil meines Berufs ist. Gleichwohl
verleitet mich das Wissen um diese Verantwortung zu keinem Größenwahn oder übersteigerten Ego. Ich bin,
einfach gesagt, sehr stolz auf meine Tätigkeit, und es erfüllt mich mit Freude zu sehen, wie meine Crew unter
meinem Kommando ein ganz fantastisches Produkt erzeugt. Dabei darf ich aber nie vergessen, wer an Bord der
König ist - jeder einzelne Gast - und dass ich diesen Königen zu Diensten zu stehen habe.
Es ist, wenn ich das sagen darf, schwer vorstellbar, dass die Professionalität Ihres Berufsethos jeden Raum
nimmt für sinnliche, verträumte Gedanken - inspiriert durch den Horizont zum Beispiel, wenn man von der Brücke
aus den Blick über die unendliche Weite schweifen lässt.
Ich muss gestehen, dass ich kein allzu romantischer Typ bin, es sei denn, meine Frau ist an meiner
Seite. Meine Frau heißt Tina, meine beiden Jungs Thomas und Charlie, und allein die Nennung dieser drei Namen
löst bei mir zweifellos mehr Romantik aus als jeder Blick über das Meer. Wenn sie bei mir sind, bin ich immer
in einer romantischen Stimmung, und glücklicherweise ist es ihnen gestattet, mich recht viel auf meinen Reisen
zu begleiten. Da die Jungs - sie sind 15 und zehn - aber noch zur Schule gehen, können sie leider immer nur in
den Ferien bei mir sein. Aber in einem Punkt haben Sie Recht: Die Kombination, meine Familie um mich zu haben
und mit ihnen gemeinsam über das Meer zu fahren - das ist schon ein ganz besonders romantischer Moment. Denn
natürlich bin ich verliebt in das Meer, sonst wäre ich wohl kaum Captain geworden. Wir hatten schon immer eine
Romanze.
Erinnern Sie sich an den Moment, als diese Romanze begann?
Ja. Da war ich ungefähr acht Jahre alt. Mein Vater nahm mich regelmäßig in kleinen Booten mit und fuhr
mit mir die Nordostküste Englands auf und ab. Das ging so weit, dass ich manchmal meine gesamten Ferien auf
diesen Booten verbrachte - dabei waren sie wirklich klein, eher eine Nussschale als ein wirkliches Boot.
Ungefähr ab diesem Alter stand für mich also fest: Ich möchte zur See. Die einzige Entscheidung, die ich
treffen musste, war die Größe der Schiffe, auf die ich mich spezialisieren wollte, und ob ich dies bei der
Royal Navy oder bei der Handelsmarine tun will - zu der ja auch die Queen Mary 2 gehört. Ich entschied mich
für Letzteres, weil es bei der Handelsmarine zwangsläufig weniger militärisch zugeht und weil die
Einsatzgebiete zahlreicher sind. Aber Sie sehen schon: Eine andere Karriere oder Berufswahl ist für mich
nie in Frage gekommen. Seitdem ich wusste, wie man es korrekt nennt, wollte ich "als ein Offizier an Bord
eines Schiffes zur See fahren".
Betrachten wir einmal die rein berufliche Seite: Inwieweit unterscheidet sich das Kommandieren der Queen
Mary 2 von allen anderen Schiffen, die Sie in Ihrer Karriere befehligt haben?
Der Hauptunterschied liegt in der technischen Schiffsführung: Wenn wir beispielsweise einen Hafen
anlaufen, werden alle Steuerungen und Manöver von uns selbst von der Brücke aus kontrolliert. Anders als
andere Schiffe besitzt die Queen Mary 2 kein Ruder; sie wird gesteuert durch zwei Propeller im Bug, die sich
in einem Radius von 360 Grad frei lenken lassen und uns sogar ein seitliches Andocken an den Kai ermöglichen.
Auf See sorgen diese beiden Propeller neben den zwei gewaltigen Haupt-Schrauben für zusätzlichen Vorschub; in
Häfen erfüllen sie die Aufgabe eines sehr flexiblen Lenkrads - was dazu führt, dass die Queen Mary 2 trotz
ihrer Größe enorm wendig ist. Das unterscheidet sie von allen anderen Schiffen, die ich je kommandiert habe.
Erst diese Technik erlaubt es Ihnen, ein so schwieriges Manöver durchzuführen wie im November 2005, als
die Queen Mary 2 im Hamburger Hafen quasi auf der Stelle eine 180 Grad-Drehung vornehmen musste?
Exakt.
Was ist das Brenzligste an einem solchen Manöver, wo zwischen Schiff und Kaimauer gerade mal noch wenige
Meter Platz sind? Das sind natürlich die unberechenbaren Faktoren wie Wetter und Strömung. Jedes Manöver ist diesen
Unwägbarkeiten unterworfen. Vor allem die Wetterbedingungen haben bei einer so breiten Angriffsfläche, wie
sie die Queen Mary 2 bietet, starken Einfluss auf die Manövrierfähigkeit. Das erste, was ich also jeden Morgen
tue, wenn ich auf die Brücke komme, ist zu checken: Wo ist der Wind? Wie stark ist er? Wie regelmäßig weht er
aus welcher Richtung? Das ist in der Tat der ausschlaggebende Faktor bei der Frage, wie sicher man ein Schiff
andocken oder auf der Stelle wenden kann.
Sie dürfen nicht vergessen: Eine Seite der Queen Mary 2 bietet eine Angriffsfläche von rund 15.000
Quadratmetern - das kann ein Schiff ganz schön zügig zum Abtreiben bringen. Mit den erwähnten Propellern und
einer soliden Berechnung der Windsituation lässt sich das in der Regel aber sehr gut handhaben. Bis zu einer
Windgeschwindigkeit von 30 Knoten kann die Queen Mary 2 dem Wind auch mit voller Breitseite die Stirn bieten.
Ist der Wind stärker, so muss man eben Schlepper und andere Hilfsmittel benutzen - aber auch das ist ja kein
wirkliches Problem. 99 Prozent der Zeit kommen wir aber dank der fantastischen Technologie ohne diese fremden
Hilfsmittel aus. Ein Manöver wie das von Ihnen beschriebene ist trotz aller Enge also nur dann brenzlig, wenn
die vorhergehenden Berechnungen ungenau wären; aber das sind sie bei uns nicht.
Mal ganz naiv gefragt: Wie macht man eigentlich einen Führerschein für ein Schiff wie die Queen Mary 2?
Vor allem braucht es viel Zeit und Erfahrung, denn so ein Gefährt ist offensichtlich um einiges komplexer
als das Fahren eines Autos. In meinem Fall bedeutet das, dass ich zur See fahre, seitdem ich 17 bin, beginnend
auf einem Kadettenschiff mit einer vierjährigen Ausbildung, deren Abschluss es einem gestattet, als Offizier
Teil einer Brückenbesatzung eines Schiffs zu sein. Mit 25, 26 hat man dann also bereits eine gewisse Zeit auf
See verbracht, und die bis dahin erlangte Erfahrung qualifiziert einen dazu, die Prüfung zum ,Masters-Degree'
als Kapitän abzulegen.
Dieses Zertifikat wiederum erlaubt es einem, jedes Schiff auch in fremden Gewässern als Kapitän zu befehligen.
Dennoch bedeutet diese Qualifikation nicht, dass man umgehend ein Schiff als oberster Kommandeur anvertraut
bekommt - es ist ein langer Weg durch die Instanzen und Verantwortungsbereiche, bevor man dorthin gelangt. In
meinem Fall war ich 25, als ich die Qualifikation erhielt; zum ersten Mal als Captain eines Schiffs wurde ich
eingesetzt, als ich 44 Jahre alt war.
Was sind davon abgesehen die wichtigsten Talente und Fähigkeiten, die man besitzen sollte, um ein so
gewaltiges Schiff und eine Crew von über 1.000 Personen reibungslos zu führen und kommandieren?
Ich vergleiche es gern mit dem Job eines Bürgermeisters. Denn es geht schließlich nicht nur um die
Verantwortung für meine Mitarbeiter, sondern auch um unsere Besucher und Gäste. Ein solches Schiff funktioniert
im Endeffekt tatsächlich wie eine kleine Stadt, die ich zu managen habe - in allen Bereichen. Natürlich habe
ich meine Fachbereichsleiter, die mir tatkräftig zur Hand gehen - es gibt Hotelmanager, Restaurantmanager,
Chefingenieure, ein Ärzteteam, einen Mannschaftskapitän und viele andere. All diese Personen berichten mir
regelmäßig von den Vorgängen auf dem Schiff, und ich sitze lediglich an der Spitze dieser Pyramide und
entscheide aufgrund ihrer Berichte, wie man mit bestimmten Situationen umgeht.
Und doch wäre eine Pyramidenspitze bedeutungslos, ja gar nicht existent ohne ihr Fundament. Nur dank dieser
engagierten, absolut eigenständigen Top-Mitarbeiter kann das gesamte Unternehmen funktionieren, denn es wäre
unmöglich für mich, mich in jedem Bereich persönlich um alles zu kümmern. Eine Einmischung von mir in eines
dieser Spezialgebiete werden Sie also nur erleben, wenn wir richtig ernste Probleme haben.
Worin sehen Sie bei diesem guten Team dann Ihre persönliche Hauptverantwortung?
Im Garantieren der Sicherheit. Sicherheit für Crew und Passagiere, die Sicherheit des Schiffs, aber auch
die Zuverlässigkeit, immer die ungefährlichste Route zu wählen.
Wenn dieses Schiff schon wie eine Stadt ist: Wie geht man als ihr Bürgermeister mit persönlichen Dramen
innerhalb der Crew um, die bei einer solchen Menge an Menschen einfach von Zeit zu Zeit passieren müssen?
Wenn ein neues Crewmitglied an Bord kommt, bin ich als Captain der erste, der mit diesem neuen Mitglied
ein ausführliches Gespräch führt. Was ich diesen neuen Mitgliedern unter anderem immer sage, ist dies: Wenn
sie ein kleines Problemchen haben, möchte ich sie bitten, die Lösung desselben bis zu einem nächsten Landgang
zu vertagen; haben sie ein ernstes Problem, so sind sie nachdrücklich dazu aufgefordert, dieses Problem nicht
für sich zu behalten, denn es gibt immer jemanden, mit dem sie darüber sprechen können. Der erste
Ansprechpartner ist immer ihr direkter Vorgesetzter; kann jener nicht helfen, kann man jederzeit einen Termin
mit dem Bereichsleiter vereinbaren. Und wenn auch der nicht helfen kann, bin ich jederzeit zur Stelle, um ein
wirklich schwerwiegendes Problem zu lösen.
Geben Sie uns doch mal ein Beispiel für ein Problem eines Crew-Mitglieds, das alle Instanzen bis hoch zu
Ihnen durchläuft.
Das muss gar nichts Kompliziertes sein; Sie müssen sich nur vor Augen halten, dass alle Crew-Mitglieder
in der Regel für eine sehr lange Zeit weit weg sind von Zuhause. Daraus können die mannigfaltigsten Probleme
entstehen. Gewichtig ist jedes Problem, das dazu führt, dass sich ein Crew-Mitglied nicht in der Weise auf
seine Arbeit konzentrieren kann, wie es unser Beruf erfordert. Wenn beispielsweise ein Familienmitglied daheim
ernsthaft erkrankt ist, ist das ein akutes Problem, das wir zu lösen versuchen. Und wenn es etwas wirklich
Ernstes ist und sich ein Problem nicht lösen oder verschieben lässt, werden wir auch immer dafür Sorge tragen,
dass dieses Mitglied auf dem schnellsten Wege zurück nach Hause kann. Wir müssen, wie gesagt, zu jedem Moment
100 Prozent dafür geben, sich um das Wohl der Passagiere zu kümmern; können diese 100 Prozent aus irgendwelchen
Gründen nicht gewährleistet werden, muss Abhilfe geschaffen werden. Wie auch immer diese aussieht.
Wie lassen sich die Unterschiede in Ihrem Verhältnis zu Crew-Mitgliedern und Passagieren beschreiben?
Die Passagiere - das ist ihr gutes Recht - wollen alle im Verlauf ihres Urlaubs mindestens ein Mal einen
persönlichen Kontakt mit dem Captain haben, seine Hand schütteln und bestenfalls mit ihm zu Abend essen. Diese
Möglichkeit geben wir ihnen im Rahmen von Cocktail-Partys und dem allseits bekannten ,Captain's Dinner'.
Überhaupt habe ich einen fest reservierten Tisch im Restaurant, an dem ich so oft wie möglich bemüht bin,
mit einigen geladenen Passagieren eine Mahlzeit einzunehmen. Was die Crew betrifft, so gibt es jeden Morgen
auf See einen Rundgang durch alle Bereiche des Schiffes im für den Passagier unsichtbaren Hintergrund.
Dieser Rundgang führt mich von den Maschinenräumen durch die Wäscherei und das Hotelmanagement bis in die
Restaurantküchen, einfach, um jeden Tag mit einigen Leuten zu sprechen, die in den verschiedenen Bereichen
ihr Tagwerk verrichten, um ihnen ein Gefühl von Bedeutung und Zugehörigkeit zu vermitteln. Es ist mir wichtig,
den Crew-Mitgliedern täglich vor Augen zu halten, dass der Captain dieses Schiffs ein Mensch ist und keine
unbekannte Größe, die oben in ihrem Elfenbeinturm sitzt und die man nie zu Gesicht bekommt. Jeder, der möchte,
soll so oft wie möglich die Gelegenheit haben, mich persönlich anzusprechen.
Sprechen wir ein wenig über andere fast schon mythische Begleiterscheinungen Ihres Berufs als Captain; zum
Beispiel: der Kapitän als Eheschließer.
Das habe ich früher natürlich das ein oder andere Mal gemacht, aber auf der Queen Mary 2 ist das aus
gesetzlichen Gründen leider nicht möglich. Wir befinden uns mit der Queen Mary 2 unter britischem Gesetz,
und dieses erlaubt keine Eheschließungen durch einen Kapitän. Die britischen Schiffe, von denen man hört,
dass dort Eheschließungen möglich sind, fahren in der Regel unter der Flagge der Bermudas.
Bedauerlich für Sie, oder nicht?
Schon, ein wenig. Aber ich bediene mich hier gerne eines kleinen Tricks, ein Witz, den ich immer auf der
Begrüßungs-Cocktailparty mache. Dort sage ich: "Ich werde häufig von Paaren darum gebeten, ob sie nicht durch
mich an Bord getraut werden können. Leider ist mir das aus rechtlichen Gründen untersagt - bei Bedarf kann ich
Ihnen aber gerne eine vorübergehende Bescheinigung ausstellen, die für den Zeitraum Ihrer Reise an Bord
Gültigkeit besitzt. Anschließend müssen Sie sich aber wohl oder übel noch einmal in die Kirche oder zum
Standesamt begeben." Das ist alles, was ich tun kann.
Ein anderer Mythos ist der eines Captains der Sekundenentscheidungen.
(nickt)
Ein Beispiel?
Ach, genau genommen passiert das täglich an Bord. Es ist schlicht die Folge, wenn man gut vorbereitet
an seine Arbeit geht, dann werden diese Sekundenentscheidungen Normalität, weil man einfach nicht mehr lange
nachdenken muss, um zu der besten Lösung zu kommen. In meiner Position muss man sich vergegenwärtigen, dass
man 24 Stunden am Tag von unvorhersehbaren Situationen überrascht werden kann. Das ist nicht groß anders,
als wenn man sein Leben in einem Hotel verbrächte. Wenn man es aber erst mal ein paar Mal erlebt hat, dass
einen die Alarmglocke nachts um Zwei aus dem Schlaf reißt und man innerhalb von Sekunden entscheiden muss,
was zu tun ist, wird auch das ein Stück weit zur professionellen Routine.
Zum Glück kann ich sagen, dass das überaus selten geschieht, aber es passiert doch immer wieder. Auch das
ist im Übrigen wieder eine Begleiterscheinung der besten Crew: Sie ist außerordentlich gut vorbereitet auf
jede Not- und Gefahrensituation, die entstehen könnte, sie funktioniert auch in diesen Momenten reibungslos.
Damit das auch so bleibt, spielen wir wöchentlich wechselnde Notfall-Szenarien durch, damit alle vorbereitet
sind auf die unangenehmen Dinge, die an Bord eines Schiffes passieren können.
Was wäre das schlimmste Unglück, das einem Schiff wie der Queen Mary 2 widerfahren könnte?
Ganz klar: Feuer. Dieser Problematik sind wir uns auch sehr bewusst - in unserer Situation ist es
offensichtlich nicht möglich, schnell mal per Telefon die Feuerwehr zu rufen. Wir müssen also mit dieser
Problematik ganz allein umgehen können; deshalb haben wir eine sehr gut ausgerüstete und trainierte Truppe
von Feuerwehrleuten an Bord, und jedes Crew-Mitglied - unabhängig von seinem Haupttätigkeitsbereich -
bekommt für diese Fälle eine klar definierte Aufgabe übertragen, damit jede Form von unnötigem Chaos
vermieden werden kann. Jeder weiß um seine klaren Instruktionen, welche wichtige Rolle er im Ablauf eines
Notfalls zu spielen hat. Glücklicherweise kann ich für mich sagen, dass ich in meiner bisherigen Karriere
noch kein einziges größeres Drama auf See erlebt habe.
Glück für Sie - schade um meine nächste Frage nach einem weiteren Mythos des Kapitäns: die nach dem
,letzten Mann an Bord'...
Nun: Das gilt ja nicht nur für Notfälle, sondern ganz allgemein, und geschieht insofern immer wieder.
Natürlich wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass ich der Letzte wäre, der ein sinkendes Schiff verließe -
was glücklicherweise noch nie passiert ist. Doch auch jetzt zum Beispiel, wenn mein Schiff im Dock liegt, ist
es selbstverständlich, dass ich mich so viel wie irgend möglich an Bord der Queen Mary 2 aufhalte. Im Übrigen
ein guter Moment, mit einem weiteren Mythos aufzuräumen; früher hieß es ja immer: "Kinder und Frauen zuerst" -
im Zeitalter der modernen Lebensrettungs-Kapazitäten, wie sie die Queen Mary 2 und auch alle anderen
zeitgemäßen Schiffe besitzen, wird jeder an Bord - und sogar mehr als nötig - problemlos gerettet werden
können. Die modernen Notfallpläne sehen überdies vor, die Menschen nicht nur einfach zu retten, sondern
strikt dafür Sorge zu tragen, dass Familien im Falle einer Notsituation nicht auseinander gerissen werden.
Als der moderate Mensch, wie Sie sich ja selbst beschreiben, bleibt in Ihrer Einstellung zu Ihrem Beruf
vermutlich nicht viel Platz für das Spinnen von Seemannsgarn...
Ich besitze sehr viel Seemannsgarn, aber nichts davon müsste in der Öffentlichkeit gesponnen werden.
(lacht)
Bei der ganzen spezialisierten Technik, den ausgefeilten Notfallplänen, der strammen Organisationsstruktur
eines Unternehmens wie der Queen Mary 2: Wo bleibt da das Bewahren alter Seefahrer-Traditionen?
Nun, wer wie ich für ein gesundes und traditionsreiches Unternehmen wie Cunard arbeitet, steht
zwangsläufig im Dienste weit zurück reichender und liebevoll gepflegter Traditionen, die seit über 160
Jahren die Eckpfeiler dieses Unternehmens mitbestimmen. Jede dieser Traditionen, die auch unsere Passagiere
mit dem Erwerb einer Passage auf einem unserer Schiffe erleben möchten, werden verinnerlicht und unbedingt
gelebt durch jedes Crew-Mitglied und somit auch durch mich. Wir erinnern uns gern und allseits sichtbar an
die Schiffe der Vergangenheit, die Gründer des Unternehmens und ihre uns allen mitgegebenen Werte und Ziele.
Die Menschen, die an Bord eines solchen Schiffes arbeiten, sind nicht nur dazu da, es am Laufen zu halten und
es hübsch aufzupolieren, sondern sie sind in ihrer Funktion als Repräsentant eines solch traditionsreichen
Unternehmens immer auch Teil dieser Tradition - und zwar sichtbar für jeden Passagier.
War es eigentlich Ihr Traum oder eher eine Folge glücklicher Umstände, dass Sie Captain des größten
Passagierschiffs der Welt wurden?
(lächelt) Wenn wir jetzt zurückgehen auf die Zeit, als ich mit acht Jahren immer auf dem Boot meines
Vaters war, war die Vorstellung noch nicht so konkret. Aber mit etwa zehn erfuhr ich von der alten Queen
Mary und der ersten Queen Elizabeth, und als ich mich mit diesen beiden außergewöhnlichen Schiffen näher
beschäftigt hatte, wurde endgültig der Grundstein für meinen Wunsch gelegt, zur See zu fahren.
Unglücklicherweise bildete Cunard zu dieser Zeit keine Kadetten aus - sie stellten ausschließlich Offiziere
ein, die bereits ihren Masters Degree abgelegt und das Alter von 26 Jahren überschritten hatten. Das war
traurig, denn schon damals hatte ich den Wunsch, für dieses Unternehmen und auf einem dieser wunderbaren
Schiffe zu arbeiten. Also startete ich meine See-Karriere anderweitig, machte mein Degree und bemühte mich
darum, bei Cunard eingestellt zu werden, um meinem Traum, der Captain einer der beiden Queens zu werden,
näher zu kommen. Und: Es klappte. Insofern kann ich Ihre Frage nur mit ,ja' beantworten: Es ist ein wahr
gewordener Traum.
Einmal frech aus der Hüfte geschossen: Was verdient ein Captain der Queen Mary 2 im Monat - mehr oder
weniger als ein Top-Model?
(lächelt, schweigt länger) Sagen wir es so: Ich bin wie jeder andere in der Welt - man wird nie gut
genug bezahlt für eine einwandfreie Arbeit. (lacht)
Ist diese souveräne Nonchalance, mit jeder Situation professionell und moderat umzugehen, Teil eines
täglichen Trainingsprogramms, oder ist es mittlerweile pure Routine?
Es ist inzwischen absolute Routine. Es liegt aber auch in meiner Natur: Ich würde mich schlicht als
ernsthaften, aber freundlichen Menschen bezeichnen. So sehe ich meine charakterliche Mischung.
Auch im Kontext von ,Captain's Groupies', die es doch sicherlich theoretisch zahlreich unter den
Passagieren gäbe?
Was das angeht, sollte ich mich glücklich schätzen, ja. (lacht) Aber ich kann mich nicht mehr genau
erinnern, wie sie eigentlich aussehen oder was sie von mir wollen - ich erwähnte ja, dass ich sehr
glücklich verheiratet bin. Natürlich gibt es zahllose Menschen, die mich gern treffen möchten, aber weiter
geht es nicht. Ihre wahren Intentionen, warum sie mich treffen wollen, bleiben für mich also im Verborgenen.
(lächelt)
Also auch noch nie Autogramme auf irgendwelche privaten Körperteile gegeben?
(lacht) Ich unterschreibe gern und regelmäßig T-Shirts. Aber weiter geht es nicht. Etwas Privateres
zum unterschreiben kann ich nicht anbieten, tut mir leid.
Dennoch geht von Ihrem Berufsstand ein nicht zu verleugnender Sex-Appeal aus - auch wenn dieser von einer
ganz anderen Qualität und Art zu sein scheint als bei einem Rockstar beispielsweise.
Zugegeben: Das ist schon eine interessante Sache, aber wenn ich als Captain auf einem Schiff bin,
habe ich mehr als genug anderes zu tun, als dass ich mich dieser Thematik widmen könnte. Natürlich ist es
Teil meines Selbstverständnisses als Captain, jederzeit erreichbar zu sein, sodass man mich immer treffen
kann, wenn man möchte. Wer mich dann getroffen hat, wird sich aber keine Illusionen mehr über meine
Zugänglichkeit für gewisse Avancen machen. Da Sie mich schon mit einem Rockstar vergleichen: Immer wieder
haben wir äußerst prominente Rockstars an Bord als Gäste, die ich dann auch auf die Brücke einlade. Was mir
immer wieder auffällt, ist, was für angenehm normale Menschen das sind. Und dieser Eindruck beruht sicherlich
auf Gegenseitigkeit. Was andere in ihren Träumen daraus machen, liegt außerhalb meines Einflussbereiches.
Die Idee von einem Captain, der ein Mädchen in jedem Hafen hat, ist also auch nicht mehr zeitgemäß?
Ich kann da jetzt natürlich nicht für meinen gesamten Berufsstand sprechen. Was mich betrifft: Ich
bin nun seit 1988 mit dem schönsten Mädchen der ganzen Welt verheiratet, die mir überdies die wundervollste
Familie geschenkt hat. Mein Leben vor und nach diesem Datum unterscheidet sich allerdings in nahezu allen
Bereichen grundlegend. (lacht)
Zum Schluss möchte ich mit Ihnen noch über Hamburg und die besondere Begeisterung der Stadt für die Queen
Mary 2 sprechen. Es scheint da ein weltweit einzigartiges Verhältnis zwischen der Hansestadt und diesem
Schiff zu existieren. Wie könnte man dieses Verhältnis beschreiben?
Es ist ein sehr interessantes Verhältnis. Ich habe noch nie in meinem Leben ein Schiff kommandiert,
das auch nur annähernd auf so viel Gegenliebe und Begeisterung in einem Hafen dieser Welt gestoßen ist.
Wir haben schon viele lange Diskussionen darüber geführt, wie das zustande kommt.
Auf Hamburg bezogen hat es sicher stark mit der engen Verbundenheit zum Meer zu tun. Sie leben in der Nähe
des Meeres, die Stadt besteht zu einem ungewöhnlich großen Teil aus Wasserstraßen, sie haben den zweitgrößten
Hafen Europas - es ist schlicht Teil ihres Selbstverständnisses. Überdies gab es hier wohl schon immer eine
große Faszination für transatlantische Luxusliner im Allgemeinen und für die Schiffe der Cunardline und
ihre Geschichte im Besonderen. Ich bin auch überzeugt, dass man weltweit wenige Großstädte findet, deren
Bewohner fleißiger und zahlreicher pflegen, Urlaub auf einem Luxusliner zu machen. Ich denke, man liebt
sich gegenseitig auf eine sehr besondere Weise - was wiederum mit der zweifellos engen Verbindung der
Hamburger zu den Briten und ihrer Lebenskultur zu tun haben dürfte. Das fühlt man einfach, wenn wir hier
zu Besuch sind.
Der Schauspieler John Cleese sagte neulich in einem Interview, dass es außerhalb Englands keine Stadt
gäbe, in der er sich lieber aufhalte als in Hamburg. Der Grund: Keine Stadt sei von der Optik und auch dem
Lebensgefühl her näher am ,English Way of Life'.
Damit hat er vermutlich absolut Recht. So weit ich das beurteilen kann, würde ich es unterschreiben.
Und doch bleibt diese Faszination für die Queen Mary 2 ein Stück weit unerklärlich. Als wir beispielsweise
zum ersten Mal in Hamburg waren - wir also noch überhaupt keine Gelegenheit gehabt hatten, hier so etwas
wie eine Fanbase oder einen Mythos zu kreieren - standen an jedem Aussichtspunkt flussabwärts der Elbe
Tausende von Menschen und winkten uns zu - selbst nach zwei Stunden Fahrt außerhalb der Stadt. Da hatte
man schon den Eindruck: Jetzt ist das Schiff selber zu einem Rockstar geworden. Unsere Aufgabe muss es nun
sein, dieses Rockstar-Image in etwas zu verwandeln, das bei den Menschen in Deutschland die Lust und den
Wunsch erzeugt, mit uns auf die Reise zu gehen.
Bei Ihrem vorletzten Besuch waren Sie mit der Queen Mary 2 gleich für elf ganze Tage in der Stadt. Hat
das Ihr persönliches Verhältnis zu Hamburg verändert, gar vertieft?
Unglücklicherweise habe ich - wie erwähnt - als Captain dieses Schiffs die zwingende Aufgabe, mich
so viel wie möglich auf dem Schiff aufzuhalten. Nur weil wir in einem Trockendock liegen, entbindet mich
das ja nicht von meinen Aufgaben. Und dazu gehört es eben, die Arbeiten am Schiff zu überwachen. Insofern
habe ich nicht allzu viele Gelegenheiten, diese zweifellos wunderschöne Stadt näher kennen zu lernen. Was
das anbetrifft, sollten Sie sich am besten mit einigen der Crew-Mitglieder unterhalten - sie hatten die
Gelegenheit und Zeit, Hamburg zu erkunden, und so weit ich darüber informiert bin, wurde von dieser Gelegenheit
auch ausführlich Gebrauch gemacht.
Letzte Frage: Gibt es für Sie noch irgendwelche unerfüllten Wünsche Ihren Beruf betreffend? Höher hinaus
kann es ja nicht mehr gehen.
Sie sagen es: Höher geht es nicht mehr. Ich werde mich voraussichtlich in nicht mehr ganz drei Jahren
zur Ruhe setzen, und wenn es mir gelingen sollte, von der Brücke der Queen Mary 2 aus in Rente zu gehen,
dann könnte ich nicht glücklicher sein.
Irgendwelche Orte oder Gegenden, die Sie als Weitgereister noch nicht gesehen haben?
Ja, tatsächlich: Im März werde ich die Queen Mary 2 in Los Angeles in Empfang nehmen und von dort um
das Kap Hoorn nach New York fahren. Und - glauben Sie's oder nicht - ich fahre nun seit über 40 Jahren zur
See, aber das Kap Hoorn habe ich als Kapitän eines Schiffes noch nie gesehen. Damit geht ein weiterer und
zugleich einer der letzten verbliebenen Träume in Erfüllung.
Captain Warner, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Interview: Sascha Krüger
Fotos: Sebastian Hartz